Liebe Leser und Leserinnen
Wenn Sie an dieser Stelle die Fort- setzung des Theaterstücks Weidenpark erwartet haben, muss ich Sie leider enttäuschen. Der Autor leidet leider an einer hartnäckigen Schreibblockade. Da ich im Winter an der Migros-Klub- schule einen Kurs in „Creative writing“ absolviert habe, fragte er mich, ob ich nicht etwas aus der Sicht der Direktbe- troffenen über den Weidenpark schrei- ben könnte. Natürlich habe ich sofort zugesagt. „Lisa“, habe ich gesagt, „diese Chance musst du packen“…
Zusammen mit meinen rund 5000 Kolleginnen und Kollegen stecke ich also seit April hier im so genannten Weidenpark. Anfänglich eher skep- tisch, habe ich mich nun schon ein we- nig eingelebt und bin dabei, Wurzeln zu schlagen und auszutreiben. Das Kli- ma ist zwar rauer als im Tal, dafür ist der Boden schön feucht, die Luft klar und die Aussicht aufs Guggershörnli und den Schwendelberg einfach weiden- geil. Noch will ich mich nicht festlegen, aber so langsam wächst in mir die Vor- stellung, mich hier oben längerfristig niederzulassen.
Im März trifft man sich auf der Heubühne
Ursprünglich aus Köniz stammend, staunte ich nicht schlecht, als ich an- fangs März zusammen mit meinen 967 Nachbarinnen abgeschnitten und ziemlich unsanft auf einem offenen Anhänger abtransportiert wurde. Kurze Zeit später landeten wir in einer Heubühne. Es roch nach Heu und Katzen. Zu meiner Überraschung lagerten da schon andere Weidenruten, braune, rote, grüne… ich gehöre übrigens zu den gelben. Wir kamen also ins Ge- spräch, wie das so geht, wenn man auf Reisen ist … Mein Chef meint übrigens, ich sei eine wahre Plauderweide… doch der Typ hat ja keine Ahnung wie es ist, wenn man in der Freizeit weder Fussball WM schauen noch „lismen“ oder joggen kann… aber wo war ich stehen geblieben? Ja, wir machten uns also gegenseitig bekannt und es stellte sich heraus, dass alle aus der näheren Umgebung kommen. Ein paar hundert aus Schwarzenburg, einige aus Plaffeien, jede Menge aus Düdingen und Schmitten. Die aus dem Freiburgischen habe ich sofort an ihrem Dialekt erkannt. Ja, und dann hatte es auch Einheimische darunter, vor allem aus Guggersbach und Duftacker. Dazu kamen später noch ein paar hundert Bergler vom Wydenvorsass. Natürlich hatten wir uns einiges zu erzählen. Übrigens nur so nebenbei, mein Name ist eigentlich Lisa Zur Weide, das mit der Nr. 3371 hat sich mein neuer Chef ausgedacht, nicht gerade originell, aber er meinte, dass es nicht drin liege, sich 5000 Namen zu merken. Item, da lagen wir also auf der Heubühne, schön zugedeckt unter einer Plane, damit wir ja nicht austrockneten oder etwa sogar austrieben und warteten geduldig auf die Dinge, die da kommen würden…
Im April geht’s raus
Anfangs April passierte endlich etwas. Ein klappriges und vor allem lautes Vehikel brachte uns an unseren neuen Bestimmungsort. Viel habe ich von der neuen Umgebung noch nicht mitbekommen, denn wir wurden sogleich wieder zugedeckt. Was mir auch recht war, denn es war merklich kühler als in Köniz, vor allem in den langen Nächten.
Am 7. April 2010 war es dann soweit, an das Datum erinnere ich mich deshalb so genau, weil Rosa Weidenmann, oder Nr. 1963, wie mein Chef sagen würde, nämlich Geburtstag hatte. Plötzlich wurde die Plane gelüftet und eine Schar Kinder stürmte auf uns zu. Ich hörte etwas von Ferienspass und wie der Chef die Kinder begrüsste und ihnen erklärte, was zu tun sei. Es dauerte nicht lange und wir wurden bündelweise herumgetragen, wieder abgelegt, frisch angeschnitten und endlich in den Boden gesteckt. Ich kam in der Nähe des künftigen Eingangstors zu stehen, und so hatte ich einen guten Überblick, was da sonst noch alles entstand. Entlang der Strasse erstreckte sich schon bald ein Zaun und weiter unten begann eine Grünkopfriesenschlange Form anzunehmen.
In den nächsten Tagen kam der Chef -wir gaben ihm den Übernamen Nr. 5001 öfter vorbei und hat weiter- gemacht. Er brachte auch andere Leu- te mit und es entstanden weitere Ge- bilde. Zwei Pavillons, ein Klettergerüst und eine Reihe weiterer Zäune kamen dazu…
Auf meine Frage, was das denn wer- den solle, verriet mir 5001, dass diese Zäune später einen Irrgarten bilden werden.
… Und dann, am 24. April, an dieses Datum erinnere ich mich , weil da näm- lich Rosemarie Weiderich (Nr. 1936) Geburtstag hatte, kamen noch mehr Leute und steckten den ganzen Tag hunderte von meinen Kolleginnen und Kollegen in den harten, trockenen Bo- den. Langsam fing ich an zu begreifen, was 5001 mit Irrgarten gemeint hatte, denn vor lauter Weidenruten sah ich den Park gar nicht mehr.
A propos trockener Boden. Seit Ta- gen, ja seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet und ich begann mir schon Sorgen zu machen. Viel brauchen wir Weiden ja nicht, aber nur von Luft und Aussicht wird sogar unsereins nicht satt.
Im Mai kommt endlich der Regen
Das änderte sich schlagartig mit dem 1. Mai. Obwohl wir Weiden nicht gewerkschaftlich organisiert sind und der Klassenkampf schon länger nur noch in den Geschichten unserer Vor- fahren vorkommt, hatten wir doch vor, am Tag der Arbeit ein wenig zu feiern und uns etwas zu gönnen, zusammen ein paar Lieder singen, über die guten alten Zeiten plaudern und so… und wie auf Bestellung fing es an zu regnen und so wurde das Fest so richtig feucht und fröhlich. 5001 kam am Abend auch noch vorbei und war sichtlich erleich- tert, als er uns in guter Stimmung vor- fand.
Es regnete und regnete … und wir hatten keine Mühe, den Auftrag von 5001 zu erfüllen. Wir sollten nämlich möglichst schnell Wurzeln und Blätter bilden, so dass wir einen eventuellen heissen und trockenen Sommer über- stehen könnten.
So ging der Mai ins Land. 5001 liess sich immer seltener blicken. Er mein- te, wir seien jetzt schon ziemlich gross und stark und müssten lernen, alleine zu Recht zu kommen. Zur wöchentli- chen Teamsitzung erschien er pünkt- lich und das Gras im Irrgarten mähte er mehr oder weniger regelmässig. Leider war er zuweilen recht unvorsichtig und einige von uns mussten buchstäblich über die Klinge springen. Auf unseren Protest hin versprach er Besserung.
Im Juni regnet es immer noch und nachts bekommen wir Besuch
Das war uns natürlich recht. Bei 5001 hingegen liess die Begeisterung langsam aber sicher nach. Er meinte, so ein paar trockene und warme Tage wären jetzt angebracht, so wegen heu- en, jäten und Gummistiefel auslüften, Schneckenplage und so weiter. Ja die- se Menschen – immer haben sie etwas zu jammern.
Doch auch bei uns tauchte ein Pro- blem auf. Des Nachts bekamen wir nämlich öfters Besuch von Rehen. Sie scheinen vor allem am Irrgarten Ge- fallen zu finden. Um am Morgen auch wieder schnell heraus zu finden, ha- ben sie angefangen, die kürzesten Wege zu markieren, indem sie einige von uns einfach entrindeten. Ich kann Ihnen sagen, das tut weh. 5001 meint aber, dass er im Moment abwarten und nichts überstürzen will. Solange die Rehe sich einigermassen an die Parkre- geln hielten, müssten wir halt mit den Verlusten leben. Der hat gut reden… ein paar Tropfen Regen zu viel und er wird schon depressiv, aber wenn un- sereins massakriert wird, sollen wir das einfach aushalten… Nun ja, ich habe ja eingangs erwähnt, dass ich noch nicht ganz sicher bin, ob ich mich hier defini- tiv niederlasse. Mal sehen, was die Zu- kunft bringt.
www.weidenpark.ch
Bis zum Winter werden wir sicher mal bleiben und schön brav wurzeln und austreiben.
Ab November sollen wir dann ein erstes Mal geschnitten und auf den Winter vorbereitet werden. Bin ja ge- spannt, was da noch alles auf uns zu- kommt…So, jetzt wünsche ich allen den Som- mer, den sie sich wünschen… und sollte dieser Wunsch nicht in Erfüllung ge- hen… Weihnachten kommt bestimmt…
Eure Lisa Zur Weide